MesteceniFinal - page 8-9

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Ich stelle mir den kleinen Birkenhain vor. Irgendwo hinter den letzten Häusern, am
Rand unserer kleinen Stadt. Eine Oase. Hierher kamen die Zigeuner. Zuerst mit
Leiterwagen, später mit ihren schwarzen Limousinen. Dann nicht mehr.
Es war die Zeit, in der ich erwachsen geworden bin. Aber im Kopf bleiben
zwischen den glänzenden Autos Zelte mit bunten Dächern und Wäsche im
Wind, aufgehängte Figuren, die wild zappeln. Ich spüre das Leben zwischen
den Birkenbäume. Die Bäume stehen wie Grenzsoldaten. Ich sehe von einem
Land ins andere. Ich beobachte das Leben der Zigeuner. Ich bin ein Voyeur.
Bin auf der Suche. Aber nicht nur das, ich belausche die Menschen auch. Ich
höre das Rauschen der Blätter. Die Birken stören sich nicht an meiner Neugier.
Meine Mutter warnt mich ständig. Nicht vor den Birken, nein, vor den Zigeunern,
die mich mit auf die Reise nehmen könnten. Ich komme aber trotzdem nach
der Schule mit meinem Fahrrad dort hin. Zu meinem Birkenhain. Solange die
Zigeuner in der Stadt sind, komme ich sie beobachten. Ich muss sie aus der
Nähe sehen. Vielleicht bin ich ja eine von ihnen. Denke ich damals noch.
Niemand sagt mir ins Gesicht, wer ich bin und woher ich komme. Hinter meinem
Rücken sagen sie, ich sei keine Blutsverwandte der eigenen Familie. Es macht
mich traurig, aber auch neugierig, dass ich nicht blutsverwandt bin. Das Wort
ist mir unheimlich. Es gibt mir zu Denken. Gleichzeitig male ich mir den leer
gewordenen Platz in meinem Herzen in bunten Farben aus. Bilder hängen in
meinem Kopf wie Kalenderblätter.
Das Rauschen der Birken tröstet mich. Sie wiegen sich leicht im Wind und
flüstern dabei miteinander. Ich höre ihnen zu. Von den Zigeunern fühle ich mich
angezogen, habe jedoch gleichzeitig ein wenig Angst vor ihnen. Die Birken
beruhigen mich. Sie gehören zu diesem Ort, an dem die Lager der Zigeuner
aufgeschlagen werden.
Jahr für Jahr. Immer wieder andere Menschen auf der Durchreise. Die Bäume
bleiben, sie schützen mich vor der Entdeckung. Niemand nimmt meine Blicke
wahr, wenn der Wind durch die Blätter streicht und die schlanken Stämme sich
dehnen. Die dünnen Äste strecken und recken sich nach allen Seiten, wie ich es
tue, morgens, nach dem Aufstehen, im Haus meines Großvaters.
Doch mein Großvater ist nicht mein Großvater. Ich wohne in seinem Haus.
Ich bin nicht dein Großvater, sagte er nicht zu mir. Aber zu anderen sagte er:
Sie ist nicht meine Enkelin. Sie kommt von Wer weiß wo.
Zwischen diesen Erinnerungen, der Blick auf die Birken. Ein Rauschen in meinem
VIKTORIA H. AUTH
BIRKEN
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