MesteceniFinal - page 10-11

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Kopf, das Echo bis zu dem kleinen Herzen hinunter. Ein Pochen, das auf meiner
Seele Spuren hinterlässt, wie die Schritte eines Tieres, das unruhig im Schnee
umher läuft.
Kinder und Erwachsene zwischen den frisch polierten glänzenden Wagen. Eine
alte Frau sitzt schlafend in einem Campingsessel. Kinder springen um eine
rostige Wanne herum. Ich sehe auf gestreifte Decken, die zum Lüften an Leinen
hängen. Herzliche Grüße. Sie wehen von Wäscheleinen zwischen den Bäumen
durch die Luft.
Hier ist alles in Bewegung. Leben auf Rädern. Die Stimmen der Zigeuner sind
schrill, laut, zornig. Bei mir zu Hause herrscht Ruhe. Aber es ist ja nicht mein
Zuhause, das kleine Einfamilienhaus mit dem großen Garten.
Birken 2
Hier wohne ich, ich weiß nicht, wie lange schon. Es werden bald zehn Jahre
sein. Oder sind es erst neun? Seitdem belügen sie mich. In aller Ruhe.
Meine Mutter sagt mir nicht, wer sie ist.
Ich sage ihr nicht, wer ich bin.
Niemand weiß, wer der andere ist.
Obstbäume blühen im Garten. Übers Jahr verteilt immer wieder andere.
Kirschen, Äpfel, Zwetschgen und auch Nüsse. Es gibt Mirabellen an niedrigeren
Bäumen, deren Stämme aussehen wie Großvaters runzlige Beine. Aber auch
große Pfirsiche, die an zarten Baumstämmen hängen. An schwachen Ästen, die
unter der Last fast zusammenbrechen. Vater stützt sie durch Stecken, die er in
den weichen Sandboden rammt. Unter den Bäumchen gedeihen Erdbeeren.
Doch auch Vater ist nicht mein Vater. Ich denke nicht darüber nach.
Die Birken wirken so unschuldig. Sie haben weiße Flecken auf ihren
Baumrinden.
Wie Pferde auf der Weide. Die Schecken bewegen sich. Aber sie kommen nicht
vom Fleck. Es sieht aus, als ob sie ihre Taille kreisen lassen um die Krone zu
bewegen.
Vater verbringt seine Zeit gern im Garten. Wenn er seine Ruhe braucht, sitzt er
unter den Bäumen. Und sieht dem Wachsen seiner Pflanzen zu. Stundenlang
sitzt er unter dem Kastanienbaum. Er entgeht dadurch den vorwurfsvollen Blicken
seiner Frau, die alleine im Haus zurück bleibt.
Meine Mutter ist nicht meine Mutter.
Die Kinder flüstern es auf der Straße. Kleine Kinder werden zu großen Feinden.
Obwohl kein Krieg herrscht, dennoch sind wir plötzlich Fremde füreinander. Sie
vertreiben mich aus ihrem Paradies. Ich verstecke mich seitdem auf meinem
eigenen Land. Es ist eine neue Wirklichkeit, die ich mir hinter dem Haus baue.
Wir spielen DREH DICH NICHT UM, DER PLUMPSACK GEHT RUM. Ich habe
verloren.
Ab sofort bin ich schuldig, ohne zu wissen, was es ist, das mich schuldig
macht.
Ich bin nicht wie die anderen. Das ist Grund genug.
Woher komme ich?
Wohin gehöre ich?
Wer hat mich nicht haben wollen?
Die Suche beginnt an diesem Punkt.
Die Suche nach Menschen, nach Erklärungen, nach Erinnerungen.
Im Schlafzimmer, im Wäscheschrank, in Dokumentenmappen.
Ich finde die Schätze, nach denen ich schon lange suche, ohne zu wissen, wie
sie aussehen würden. Ich halte die Blätter fest, lese die Eintragungen. Es sind
fein säuberlich in Tusche geschriebene Buchstaben. Ich lese, dass meine Mutter
und mein Vater ein Kind an Kindes statt angenommen haben. Worte, die ich nicht
kenne. Auf dem vergilbten Blatt Papier stehen viele Namen geschrieben, Namen,
die mir fremd sind. Mein eigener Name ist nicht dabei, aber mein Geburtstag. Ich
versuche mir alles zu erklären. Können sich Namen in Luft auflösen? Mein Name
hat sich vielleicht verändert seit seiner Geburt. Seit meiner Geburt?
Ich werde schlagartig viele Jahre älter. Ich verändere mich.
Wer bin ich?
Wer war ich?
Birken 3
Für die Kinder auf der Straße bin ich eine andere. Was sie sagen, passt zu dem,
was ich hinter den Türen entdecke. Immer wieder kehre ich in dieses Zimmer
zurück, öffne den Schrank, nehme vorsichtig die Mappe heraus, wenn meine
Eltern kurz das Haus verlassen haben. Sie lassen mich selten allein. Falls die
Zigeuner kommen. Oder jemand anders, der ein Zigeuner sein könnte. Oder
eine Zigeunerin. Meine Mutter hat Angst davor, dass mich eine fremde Frau
abholt. Sie wollen mich nicht verlieren, sagen sie. Sie halten mich ununterbrochen
fest. Niemand sieht ihre Hände, die mich umklammern. Ich spüre sie in jedem
Augenblick meines Lebens, die klammernden Hände. Fühle sie um meinen
Bauch, um meinen Hals, um meine Arme, um meinen Kopf. Ich soll Vater und
Mutter nie verlassen.
Nicht weggehen, ewig bleiben, um da zu sein.
Hinter dem Haus, der große Garten. Hier kann ich mich zwischen den Bäumen
verstecken. Ich rede mit den Bäumen. Dem Kirschbaum komme ich sehr nahe.
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