MesteceniFinal - page 14-15

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Er ist stolz und selbstbewusst. Seit einigen Monaten blutet er. Seine Rinde ist rau
und kratzt mir die Haut wund, so, dass auch ich blute, wenn ich ihn umarme.
Sein bernsteinfarbener Lebenssaft ist klebrig. Wir kennen uns von Kindheit an.
Jetzt sind wir Blutsbrüder.
Schuldbewusst lege ich die wichtigen Papiere wieder in die Ledermappe
zurück. Nachdem ich sie vorsichtig angeschaut habe, schiebe ich sie unter die
Wäschestücke. Alles bleibt im Dunkeln. Ich sage niemandem, was ich gelesen
habe. Ich kann es kaum glauben. Wer soll es mir dann glauben?
Bei schönem Wetter verstecke ich mich hinterher im Garten. Oder ich verkrieche
mich im Keller. Ducke mich neben den Regalen, auf denen die Einmachgläser
stehen, in denen das Obst mich anschaut. Mirabellen, Kirschen, Pflaumen. Ich
mag sie nicht essen, aber ich schaue ihnen zu, wie sie in der klaren Flüssigkeit
dicht gedrängt verharren. Sie wirken so geschmeidig in der farblosen Brühe.
Ich kenne jeden Baum in unserem Garten, auch die, an denen die kleinen runden
Früchte gehangen haben, bevor sie im Keller landeten.
Wenn Vater nachdenklich ist, fährt er in den Wald. Er liebt die Bäume, die er als
Förster fast alle einzeln kennt. Wenn ich ihn begleite, erklärt er mir, woher sie
kommen und wie sie heißen. Ich rieche den hellgrünen Farn im Sonnenlicht, das
Moos, das wie eine zweite Haut über die Bodenhügel wächst. Die Lichtungen sind
unsereWegweiser. Vater weiß immer, wo wir sind. Zwischen Blaubeerenschneise
und Buchenschneise stoßen wir auf drei Birken. Sie stehen mitten im dichten
Wald neben einer morschen Bank. Hier ist Vaters Lieblingsplatz. Ein schmaler
Streifen Tageslicht fällt auf uns. Während wir auf der Bank sitzen, packt Vater
die Teekanne aus und bietet mir einen Becher an. Um uns herum hören wir
Vogelstimmen. Hinter uns hat ein Kleiber sein Nest gebaut. In der Ferne arbeitet
ein Specht. Vater weiß Bescheid.
Er erzählt mir vom Keltischen Baumkalender. Bei den Kelten bezeichnen die
Monate wirklich die Monde, sagt er. Und jeder Monat trägt als Symbol den
betreffenden Baum, der in dieser Zeit Früchte oder Blüten trägt. Im Januar, ab
der Wintersonnen-wende ist es die Birke.
Birken 4
Ich erinnere mich an die Eintragungen im Kleiderschrank meiner Eltern.
An das Geburtsdatum der Frau, die das Kind geboren hat, das an meinem
Geburtstag zur Welt gekommen ist.
Ich stelle mir eine schlanke Birke vor, die ich umarmen kann. Der schmale Stamm
wirkt sehr zerbrechlich. Ich drücke mich fest an die Rinde. Es tut weh.
Vater sagt: Man hat früher aus der Rinde der Birken sogar Schuhe und richtige
Kanus gemacht.
Ich würde gerne weglaufen oder auf einem Fluss in ein anderes Land reisen.
Als wir durch den dunkler werdenden Wald auf unseren Fahrrädern zurück
fahren, schweigen wir.
Die Eulen sind schon unterwegs, sagt Vater, wir müssen uns beeilen.
Die Zigeuner sind nicht mehr da.
In allen Ländern, die ich besuche, finde ich Birken.
Freundliche Bäume, die mir ahnungsvoll begegnen.
Sie sind die Reisenden, die über die Welt verteilt leben.
Während ich in meiner Kindheit verwurzelt bleibe.
2008
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